Im Interview erzählt Außenminister Heiko Maas, wie seine Kindheit in
der Grenzregion zum "Erbfeind Frankreich" ablief, ob sich
Heimatverbundenheit mit Europa verbinden lässt und warum es gut ist,
dass so viel über Europa diskutiert wird.
Außenminister Maas ist an der Grenze zu Frankreich aufgewachsen.
Foto: Thomas Koehler/photothek.net
Wann sind Sie Europa das erste Mal begegnet?
Heiko
Maas: Schon in meiner Kindheit. Ich bin direkt an der Grenze
aufgewachsen. Damals standen noch Schlagbäume zwischen Frankreich und
Deutschland, und meine Großeltern erzählten von den Erbfeinden aus
Frankreich. Für mich waren aus diesen Erbfeinden längst Freunde
geworden. In Frankreich auszugehen, war für uns ein Highlight. Alles hatte dieses besondere Flair. Selbst die Getränke waren anders. Was war das bevorzugte Getränk?
Maas: Als wir alt genug waren, haben wir Ricard getrunken und Boule
gespielt. Natürlich denkt niemand beim Boule-Spielen sofort an Europa.
Aber wir haben schon begriffen, dass erst Europa dieses einfache Pendeln
nach Frankreich ermöglicht. Können Sie Europa in drei Worten beschreiben?
Maas:
Frieden, Freiheit und Bürgerrechte. Das gibt es so sonst nirgendwo auf
der Welt. Diese drei machen das Leben lebenswert. Ohne diese drei ist
alles nichts.
"Früher haben wir uns auf Schlachtfeldern gestritten, heute tun wir das in den Parlamenten und Konferenzzentren."
Europa
bleibt für viele ein Grenzstreifen auf der Landkarte, eine politische
Idee, sehr abstrakt. Wenn Sie im Urlaub gefragt werden, wo Sie
herkommen, antworten Sie dann: "Ich komme aus Europa"?
Maas: Ich sage immer, ich komme aus dem Saarland und bin damit ein geborener Europäer. Das klingt sehr heimatverbunden. Aber kann Europa funktionieren, wenn die Menschen sich mehr ihrer Region zugehörig fühlen?
Maas:
Es ist doch toll, dass die Leute sich mit der Gegend identifizieren, in
der sie leben oder aufgewachsen sind. Im Saarland leben wir vor, wie
man sich darüber hinaus auch als Europäerin oder Europäer fühlen kann. Unter
den 28 Mitgliedstaaten gibt es mitunter unterschiedliche Ansichten. So
gibt es Differenzen mit Polen und Ungarn über wesentliche Grundwerte der
EU, zum Beispiel zu Regeln der Rechtsstaatlichkeit...
Maas:
Leider stellen einige Mitgliedstaaten auch Grundwerte der Gemeinschaft
in Frage. Wenn etwa die Pressefreiheit in einzelnen Ländern
eingeschränkt wird, wenn Populisten und Nationalisten mit ihrer
Propaganda für Ausgrenzung und Diskriminierung werben, dann bereitet mir
das Sorgen. Wie können wir Zweifler wieder überzeugen? Warum soll die EU-Mitgliedschaft für ein Land von Vorteil sein?
Maas:
Wir brauchen ein vereintes Europa. Die Aufgaben, die wir lösen müssen,
kennen keine Grenzen mehr. Klima, Migration, Digitalisierung - nur
gemeinsam sind wir stark genug, diese Probleme zu meistern. So wie der
ehemalige belgische Premierminister Paul-Henri Spaak einmal sinngemäß
gesagt hat: "Es gibt in Europa nur zwei Arten von Ländern: kleine Länder
und Länder, die noch nicht gemerkt haben, dass sie auch klein sind."
Allein ist jeder von uns zu klein für die großen internationalen
Herausforderungen. Deswegen: Wir wollen niemanden rauswerfen. Aber wir
müssen Klartext mit diesen Partnern reden. Viele profitieren exorbitant
von der Europäischen Union. Daran muss man diese Länder erinnern.
"Frieden,
Freiheit und Bürgerrechte. Das gibt es so sonst nirgendwo auf der Welt.
Diese drei machen das Leben lebenswert. Ohne diese drei ist alles
nichts."
Es wird viel gestritten in
Europa, etwa über die Migrationspolitik oder auch den besten Weg zum
Klimaschutz. Warum ist es oft so mühsam, sich zu einigen?
Maas:
Früher haben wir uns auf Schlachtfeldern gestritten, heute tun wir das
in den Parlamenten und Konferenzzentren. Was für ein Fortschritt! Streit
und Debatte sind Teil der Demokratie. Es ist doch großartig, dass sich
so viele Staaten mit völlig unterschiedlichen Interessen zum Schluss
doch meistens zusammenraufen und einen Kompromiss finden. Manchmal
dauert das halt. So ist das bei Kompromissen zwischen vielen. Das kennen
wir doch alle, ob aus dem Beruf oder auch aus dem Privatleben. Die Antwort auf "America first" lautet "Europe united", sagen Sie. Warum nicht "Europe first"?
Maas:
Egal ob "America first", "Russia first" oder "China first" - das Motto
"wir zuerst" wird auf Dauer nicht funktionieren. Erpressung und
Bedrohung sollten nicht zu den Instrumenten der internationalen Politik
werden. Es darf nicht das Gesetz des Stärkeren gelten. Frieden und
Sicherheit schaffen wir niemals gegeneinander, sondern nur miteinander. Im Mai sind Europawahlen. Könnte Europa an seinen Gegnern scheitern?
Maas: Europa wird nicht scheitern. Auch wenn es manchmal schwierig ist, im Nachrichtendschungel aus Fake News
und Propaganda durchzudringen. Wir müssen die Menschen mit Argumenten
und Fakten überzeugen. Europa ist eine einzigartige Errungenschaft. Wir
werden alles tun, um unser Europa mit Mut und Zuversicht zu verteidigen.
Da kann übrigens jeder mithelfen. Jeder, der sein Leben auch in Zukunft
in Frieden und Freiheit führen will, ist eingeladen, sich für Europa
einzusetzen - am Küchentisch, im Büro, im Sportverein. Europa kann jede
Stimme gebrauchen.
Dieses Interview stammt aus der
ersten Ausgabe des neuen Magazins der Bundesregierung "schwarzrotgold" -
dieses Mal mit dem Thema "Europa". Es liegt seit dem 17. Dezember in
Eisenbahn-Zügen und an Flughäfen aus und wird bis Mitte Januar
Zeitschriften und Tageszeitungen beiliegen. Hier auf der Webseite der
Bundesregierung steht außerdem eine PDF-Datei zum Download bereit (siehe
gelber Kasten unten).
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